Touristen, die zum Pinkeln kommen
Eine attraktive Stadt zieht viele Menschen an. Sie kommen, um sich Architektur, Gastronomie, Nachtleben oder etwas Ähnliches anzuschauen. Manchmal schlendern sie nach dem Nachtleben durch die Stadt und wollen noch am Vormittag etwas erleben. Manchmal müssen sie einfach nur aufs Klo.
Ich habe nach einiger Berlinzeit aufgehört, mich als Tourist zu bezeichnen, doch in einigen Punkten überschneidet sich mein Freizeitverhalten mit dem ihrer. So ging ich eines Tages nach einer schönen Feier im Lido Kreuzberg durch die Straßen. Es war ein selten schöner Sommermorgen, alles glitzerte und roch nach sauberer Luft. An alten Gemäuern konnte man sich auch völlig nüchtern von nistenden Schwalben derart faszinieren lassen, dass die eigene Körperhaltung für Außenstehende grotesk wirkte. Nur knapp 200 Meter vor dem Lido befindet sich das Spreeufer, wo im Sommer verschiedene Menschen aus verschiedenen Gründen hausen. Auf unserem Spaziergang sind meine Freundin Nina und ich dort gelandet. Wir setzten uns auf eine Steinmauer am Wasser und blinzelten in die funkelnde Spree. Der Wind roch nach Sommer und hätten wir ein Auto zur Hand, wären wir sofort an den See gefahren. Hatten wir aber nicht, so schlossen wir Bekanntschaft.
Bekanntschaft mit einem Berliner Koch, der um 7 Uhr morgens seine Freunde am Ufer besucht, um mit ihnen Bier zu trinken. Uns erzählte er viel über die Einrichtung seines Badezimmers und versuchte zaghaft, mit mir russisch zu sprechen. Bekanntschaft mit einem übergewichtigen türkischen Mann, der auf der Wiese ein Tischchen aufstellte und mit einem „Los, Freunde!“ ca. vier bis fünf Menschen versammelte, um Schach zu spielen bzw. hierbei zuzuschauen. Wir schauten lieber zu. Nachdem der Koch verriet, dass ich Russin bin, erklärte mir der türkische Mann die gesamte verzwickte Geschichte von Russland und der Türkei in Bezug aufeinander in ca. drei Sätzen. Ich war beeindruckt.
Und es gab den Mann mit der Flöte. Er sah aus wie ein Surfer, hager, sommerlich gebräunt, mit Shorts und schulterlangen Haaren. Und er wohnte im Zelt. Mit seiner Flöte und einer kleinen Spinne am Zeltausgang.
„Das ist meine Spinne, sie wohnt hier mit mir“, sagte er und zeigte auf das Netz.
Zum Flöten kam er manchmal nicht, vor allem wegen „der Arbeit“. Nina und ich fragten synchron:
„Was denn bitte für eine Arbeit?“
„Na draußen in Brandenburg, beim Schafe hüten, im Wohnwagen.“
Das tat er also im Winter. Auf unsere Bedenken bezüglich der Kälte erwiderte er, er hätte einen Kachelofen und man könnte dort viele gute Pilze essen. Ich verstand. Wenn man viele Pilze gegessen hat und nebenher entlaufene Schafe fangen muss, fehlt einem plötzlich die Zeit zum Flöten. So machte alles Sinn. Keinen Sinn machte, wie gut dieser Mensch aussah, nach einigen Monaten Zelt und ein paar Mal „duschen“ in der Spree. Ich überlegte, ob mich wohl irgendjemand attraktiv finden könnte, wenn ich um 7 Uhr morgens in Shorts und mit Sand in den Haaren nach acht Tagen ohne Dusche aus meinem Militärschlafsack gekrochen käme. Diese Überlegung machte mir Angst und ich verfolgte sie nicht länger. Stattdessen gab ich mich der Begeisterung über diesen flötenden pilzessenden Menschen hin; denn diese war groß. Wir sprachen über die Menschen am Ufer und über ihre Hunde.
„Die hier, die, “ sagte er und pfiff ein schönes Tier herbei, „die hat ein ganz weiches Fell, fühl mal.“
Er wusste, wo die Leute herkamen und ob sie gut flöten konnten oder nicht. Die schachspielende Gruppe lachte ein paar Mal laut auf, ein paar Mal brach ein sinnloser Streit los, an dessen zügigem Ende meist eine Umarmung stand.
Nina und ich schauten uns lange an.
Von nur 200 Metern weiter da drüben kamen wir vor knapp einer Stunde aus einer völlig anderen Welt hierher und trotzdem schien es, als sei alles, was sich außerhalb dieses Ufers abspielte, künstlich und aus Plastik. Ich wollte den Mann fragen, ob ich nicht mit meinem Schlafsack in sein Zelt kommen dürfte, um nie wieder nach Hause zu gehen. Und diese Frage wäre nicht ausschließlich seiner Attraktivität geschuldet. Natürlich fragte ich nicht, sondern ließ ihn einfach erzählen, legte mich auf die Wiese und schaute in die Dächer und den Himmel über ihnen. Er erzählte mir etwas von Berliner Gangsterrap und der kriminellen Szene in Nürnberg, vor der er nach Berlin floh. Und von der Caritas, wo man duschen und Wäsche waschen konnte, ohne von Sozialarbeitern vollgelabert zu werden. Dies hatte ich nämlich vermutet.
„Nee, nee. Die sind voll cool drauf, die sind meine Freunde“, sagte er und kicherte ein wenig. Ich setze meine Kapuze auf und er nannte mich Schwarzkäppchen. Er begründete es damit, dass man immer so heißen sollte, wie die Farbe der Kapuze ist. Logisch.
Eine Frau aus der Gruppe setzte sich zu uns und bewies, dass sie ziemlich gut flöten konnte. Er meinte:
„Ja, ja, das wussten wir doch schon alle lange“.
Und plötzlich sahen wir, wie eine Gruppe von Touristen ebenfalls aus der Richtung Lido ans Ufer torkelte. Ich bekam Herzklopfen. Einerseits wollte ich diese fragile Welt vor Eindringlingen bewahren, zweitens hatte ich Angst um die Touristen, die womöglich gleich angepöbelt werden würden und drittens schämte ich mich dafür, dass auch ich vor ca. einer Stunde aus genau der gleichen Richtung gekommen war. Sie fragten, ob man hier irgendwo Bier kaufen konnte und als dies verneint wurde, sagten sie, sie wöllten dann wenigstens hier irgendwo pinkeln.
Ich dachte: Hier leben Menschen, mit ihren Hunden, ihren Flöten und ihren Geschichten; wie ignorant seid ihr? Das ist verdammt nochmal kein Klo für wohlsituierte englische Touristenkinder.
Ich wurde wütend.
Überraschenderweise war ich aber die einzige. Sie meinten nur alle ganz gelassen, dass man da hinter diesem einen Hügel pinkeln konnte, machten sie ja auch.
Nachdem die Touristen Architektur, Gastronomie und Nachtleben konsumiert hatten, wurde ihnen gezeigt, dass die Welt, die sie immer gekonnt übersehen, immer noch tolerant und offen für sie ist.
Aber sie haben das nicht verstanden. Sie pinkelten einfach und gingen.
Ich habe nach einiger Berlinzeit aufgehört, mich als Tourist zu bezeichnen, doch in einigen Punkten überschneidet sich mein Freizeitverhalten mit dem ihrer. So ging ich eines Tages nach einer schönen Feier im Lido Kreuzberg durch die Straßen. Es war ein selten schöner Sommermorgen, alles glitzerte und roch nach sauberer Luft. An alten Gemäuern konnte man sich auch völlig nüchtern von nistenden Schwalben derart faszinieren lassen, dass die eigene Körperhaltung für Außenstehende grotesk wirkte. Nur knapp 200 Meter vor dem Lido befindet sich das Spreeufer, wo im Sommer verschiedene Menschen aus verschiedenen Gründen hausen. Auf unserem Spaziergang sind meine Freundin Nina und ich dort gelandet. Wir setzten uns auf eine Steinmauer am Wasser und blinzelten in die funkelnde Spree. Der Wind roch nach Sommer und hätten wir ein Auto zur Hand, wären wir sofort an den See gefahren. Hatten wir aber nicht, so schlossen wir Bekanntschaft.
Bekanntschaft mit einem Berliner Koch, der um 7 Uhr morgens seine Freunde am Ufer besucht, um mit ihnen Bier zu trinken. Uns erzählte er viel über die Einrichtung seines Badezimmers und versuchte zaghaft, mit mir russisch zu sprechen. Bekanntschaft mit einem übergewichtigen türkischen Mann, der auf der Wiese ein Tischchen aufstellte und mit einem „Los, Freunde!“ ca. vier bis fünf Menschen versammelte, um Schach zu spielen bzw. hierbei zuzuschauen. Wir schauten lieber zu. Nachdem der Koch verriet, dass ich Russin bin, erklärte mir der türkische Mann die gesamte verzwickte Geschichte von Russland und der Türkei in Bezug aufeinander in ca. drei Sätzen. Ich war beeindruckt.
Und es gab den Mann mit der Flöte. Er sah aus wie ein Surfer, hager, sommerlich gebräunt, mit Shorts und schulterlangen Haaren. Und er wohnte im Zelt. Mit seiner Flöte und einer kleinen Spinne am Zeltausgang.
„Das ist meine Spinne, sie wohnt hier mit mir“, sagte er und zeigte auf das Netz.
Zum Flöten kam er manchmal nicht, vor allem wegen „der Arbeit“. Nina und ich fragten synchron:
„Was denn bitte für eine Arbeit?“
„Na draußen in Brandenburg, beim Schafe hüten, im Wohnwagen.“
Das tat er also im Winter. Auf unsere Bedenken bezüglich der Kälte erwiderte er, er hätte einen Kachelofen und man könnte dort viele gute Pilze essen. Ich verstand. Wenn man viele Pilze gegessen hat und nebenher entlaufene Schafe fangen muss, fehlt einem plötzlich die Zeit zum Flöten. So machte alles Sinn. Keinen Sinn machte, wie gut dieser Mensch aussah, nach einigen Monaten Zelt und ein paar Mal „duschen“ in der Spree. Ich überlegte, ob mich wohl irgendjemand attraktiv finden könnte, wenn ich um 7 Uhr morgens in Shorts und mit Sand in den Haaren nach acht Tagen ohne Dusche aus meinem Militärschlafsack gekrochen käme. Diese Überlegung machte mir Angst und ich verfolgte sie nicht länger. Stattdessen gab ich mich der Begeisterung über diesen flötenden pilzessenden Menschen hin; denn diese war groß. Wir sprachen über die Menschen am Ufer und über ihre Hunde.
„Die hier, die, “ sagte er und pfiff ein schönes Tier herbei, „die hat ein ganz weiches Fell, fühl mal.“
Er wusste, wo die Leute herkamen und ob sie gut flöten konnten oder nicht. Die schachspielende Gruppe lachte ein paar Mal laut auf, ein paar Mal brach ein sinnloser Streit los, an dessen zügigem Ende meist eine Umarmung stand.
Nina und ich schauten uns lange an.
Von nur 200 Metern weiter da drüben kamen wir vor knapp einer Stunde aus einer völlig anderen Welt hierher und trotzdem schien es, als sei alles, was sich außerhalb dieses Ufers abspielte, künstlich und aus Plastik. Ich wollte den Mann fragen, ob ich nicht mit meinem Schlafsack in sein Zelt kommen dürfte, um nie wieder nach Hause zu gehen. Und diese Frage wäre nicht ausschließlich seiner Attraktivität geschuldet. Natürlich fragte ich nicht, sondern ließ ihn einfach erzählen, legte mich auf die Wiese und schaute in die Dächer und den Himmel über ihnen. Er erzählte mir etwas von Berliner Gangsterrap und der kriminellen Szene in Nürnberg, vor der er nach Berlin floh. Und von der Caritas, wo man duschen und Wäsche waschen konnte, ohne von Sozialarbeitern vollgelabert zu werden. Dies hatte ich nämlich vermutet.
„Nee, nee. Die sind voll cool drauf, die sind meine Freunde“, sagte er und kicherte ein wenig. Ich setze meine Kapuze auf und er nannte mich Schwarzkäppchen. Er begründete es damit, dass man immer so heißen sollte, wie die Farbe der Kapuze ist. Logisch.
Eine Frau aus der Gruppe setzte sich zu uns und bewies, dass sie ziemlich gut flöten konnte. Er meinte:
„Ja, ja, das wussten wir doch schon alle lange“.
Und plötzlich sahen wir, wie eine Gruppe von Touristen ebenfalls aus der Richtung Lido ans Ufer torkelte. Ich bekam Herzklopfen. Einerseits wollte ich diese fragile Welt vor Eindringlingen bewahren, zweitens hatte ich Angst um die Touristen, die womöglich gleich angepöbelt werden würden und drittens schämte ich mich dafür, dass auch ich vor ca. einer Stunde aus genau der gleichen Richtung gekommen war. Sie fragten, ob man hier irgendwo Bier kaufen konnte und als dies verneint wurde, sagten sie, sie wöllten dann wenigstens hier irgendwo pinkeln.
Ich dachte: Hier leben Menschen, mit ihren Hunden, ihren Flöten und ihren Geschichten; wie ignorant seid ihr? Das ist verdammt nochmal kein Klo für wohlsituierte englische Touristenkinder.
Ich wurde wütend.
Überraschenderweise war ich aber die einzige. Sie meinten nur alle ganz gelassen, dass man da hinter diesem einen Hügel pinkeln konnte, machten sie ja auch.
Nachdem die Touristen Architektur, Gastronomie und Nachtleben konsumiert hatten, wurde ihnen gezeigt, dass die Welt, die sie immer gekonnt übersehen, immer noch tolerant und offen für sie ist.
Aber sie haben das nicht verstanden. Sie pinkelten einfach und gingen.
anskob - 11. Feb, 21:27
